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Pflegegrad Höherstufung

Pflegegrad-Höherstufung: So sichern Sie sich zustehende Pflegeleistungen für mehr Unterstützung

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Wann beantragen: Jederzeit bei Verschlechterung – keine Wartefristen! Typisch: nach Schlaganfall/Sturz, fortschreitende Demenz, chronische Erkrankungen verschlechtern sich, neue Diagnosen (Inkontinenz, Schluckstörungen), mehr Hilfe im Alltag nötig.

Punktegrenzen: PG 1: 12,5-27, PG 2: 27-47,5, PG 3: 47,5-70, PG 4: 70-90, PG 5: 90-100 Punkte. Oft entscheidet 1 Punkt! Details in Modul 5 (Kompressionsstrümpfe richten, Medikamente anreichen, Begleitung Therapie) zählen.

Module Gewichtung: Modul 1 Mobilität 10%, Modul 2 Kognition 15%, Modul 3 Verhalten 15%, Modul 4 Selbstversorgung 40% (größte!), Modul 5 Krankheitsbewältigung 20%, Modul 6 Alltag 0%.

Vorbereitung:

1. Pflegetagebuch 2 Wochen vorher (täglich Hilfe, Dauer, Vorfälle dokumentieren)

2. Ärztliche Unterlagen sammeln (Arztbriefe max. 6 Monate alt, Befundbericht Verschlechterung, Medikamentenliste)

3. Antrag telefonisch/schriftlich.

Frist: 25 Tage ab Antrag (§18 SGB XI). Verzugsgeld 70€/Woche bei Fristversäumnis! Leistungen rückwirkend ab Antragsmonat.

MD-Termin: Alltag zeigen, nicht Sonntagszustand. Häufigste Fehler: Angehöriger gibt sich Mühe, Probleme herunterspielen, keine Dokumentation, Übertreibung, Modul 5 vergessen.

Ablehnung: Widerspruch 4 Wochen Frist, ausführliche Begründung nachreichen (ärztlicher Befund, Pflegetagebuch 4 Wochen, Therapeuten-Stellungnahme). Erfolgsquote sehr hoch. Sozialgericht kostenlos.

Der Pflegebedarf verschlechtert sich, aber die Kasse zahlt zu wenig? Dann können Sie jederzeit eine Höherstufung beantragen. Das Wichtigste: Eine gute Vorbereitung. Mit Pflegetagebuch, ärztlichen Unterlagen und realistischer Darstellung beim MD-Termin erhöhen Sie Ihre Chancen deutlich.

In diesem Ratgeber erfahren Sie Schritt für Schritt, wann eine Höherstufung sinnvoll ist, wie Sie den Antrag erfolgreich durchsetzen und welche Fehler Sie beim MD-Termin unbedingt vermeiden sollten.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Pflegegrad Höherstufung?

Eine Höherstufung sollten Sie beantragen, wenn sich der Pflegebedarf deutlich verschlechtert hat. Dabei zählt nicht nur körperliche Verschlechterung - auch kognitive Einbußen oder psychische Probleme können einen höheren Pflegegrad rechtfertigen.

Wichtig: Es gibt keine Wartefristen! Sie können den Antrag jederzeit stellen, auch schon wenige Wochen nach der letzten Begutachtung.

Typische Situationen für Pflegegrad Höherstufung 2026

Nach Schlaganfall, Sturz oder Krankenhausaufenthalt:

Neue Einschränkungen bei Mobilität oder Selbstversorgung. Beispiel: Ihr Vater bekam im Januar Pflegegrad 2. Im März erleidet er einen Schlaganfall und ist jetzt halbseitig gelähmt. Sie können sofort im März die Höherstufung beantragen.

Fortschreitende Demenz:

Zunehmende Orientierungsprobleme, häufigeres Weglaufen, Verwirrtheit. Bei Demenz punkten vor allem Modul 2 (kognitive Fähigkeiten, 15 Prozent Gewichtung) und Modul 3 (Verhaltensweisen, 15 Prozent) im Begutachtungsverfahren.

Chronische Erkrankungen verschlechtern sich:

Diabetes mit Folgeschäden, COPD mit zunehmender Atemnot, Parkinson im fortgeschrittenen Stadium.

Neue Diagnosen kommen hinzu:

Inkontinenz, Schluckstörungen, Depression, die den Alltag zusätzlich belasten.

Mehr Hilfe im Alltag nötig:

Waschen nur noch mit voller Unterstützung statt teilweise selbstständig, Anziehen nicht mehr alleine möglich, Essen und Trinken brauchen Hilfe.

Unser Tipp: Warten Sie nicht zu lange. Jeder Monat ohne Höherstufung bedeutet weniger Kassenleistungen. Wenn die Verschlechterung offensichtlich ist, stellen Sie den Antrag sofort - die höheren Leistungen gelten rückwirkend ab Antragsmonat.

Warum entscheidet oft nur 1 Punkt über die Höherstufung?

Die Einstufung in Pflegegrade erfolgt nach dem Neuen Begutachtungsassessment (NBA). Der MD bewertet sechs Module und vergibt Punkte. Die Gesamtpunktzahl entscheidet über den Pflegegrad.

Die Punktegrenzen 2026 im Detail

  • Pflegegrad 1: 12,5 bis unter 27 Punkte
  • Pflegegrad 2: 27 bis unter 47,5 Punkte
  • Pflegegrad 3: 47,5 bis unter 70 Punkte
  • Pflegegrad 4: 70 bis unter 90 Punkte
  • Pflegegrad 5: 90 bis 100 Punkte

Das Problem: Die Sprünge sind klein! Von Pflegegrad 2 auf 3 brauchen Sie nur 0,5 Punkte mehr - von 47 auf 47,5 Punkte. Das kann ein einziges Detail sein:

  • Hilfe beim Richten der Kompressionsstrümpfe (Modul 5)
  • Unterstützung beim Medikamente richten statt nur erinnern (Modul 5)
  • Medikamente anreichen und Einnahme überwachen (Modul 4)
  • Nächtliche Toilettengänge mit Begleitung statt selbstständig (Modul 4)

Der 1-Punkt-Check: Warum Details bei Höherstufung entscheiden

Oft scheitert die Höherstufung an weniger als 2 Punkten. Ein vergessenes Detail in Modul 5 (zum Beispiel Begleitung zur Physiotherapie oder das Richten von Kompressionsstrümpfen) kann genau diesen Unterschied machen.

Tipp: Dokumentieren Sie im Pflegetagebuch auch die kleinen Handreichungen, die weniger als 2 Minuten dauern. In der Summe ergeben sie die entscheidenden Punkte für den höheren Pflegegrad.

Wie sind die Module beim MD-Termin gewichtet?

  • Modul 1 (Mobilität): 10 Prozent
  • Modul 2 (Kognition): 15 Prozent
  • Modul 3 (Verhaltensweisen): 15 Prozent
  • Modul 4 (Selbstversorgung): 40 Prozent - größte Gewichtung!
  • Modul 5 (Krankheitsbewältigung): 20 Prozent
  • Modul 6 (Alltagsleben): 0 Prozent (wird nicht bewertet, nur dokumentiert)

Wichtig: Während körperliche Hilfe in Modul 4 punktet (waschen, anziehen, essen, Toilettengang), sichern bei Demenz oft die kognitive Einschränkungen in Modul 2 (Orientierung, Gedächtnis) und Modul 3 (Weglaufen, nächtliche Unruhe, Aggressivität) den Erfolg.

Viele Angehörige konzentrieren sich nur auf Modul 4 und vergessen die psychischen Aspekte - das kostet Punkte!

Wie wird die Höherstufung vorbereitet?

Die Vorbereitung entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Der MD sieht Ihren Angehörigen nur 30 bis 60 Minuten - in dieser kurzen Zeit müssen Sie den tatsächlichen Hilfebedarf zeigen.

Schritt 1: Pflegetagebuch führen für Höherstufung (mindestens 2 Wochen)

Führen Sie zwei Wochen VOR dem Antrag ein detailliertes Pflegetagebuch. Notieren Sie täglich:

Welche Hilfe war nötig?

Waschen: vollständig geholfen, Anziehen: Knöpfe schließen geholfen, Essen: Brot schmieren und anreichen

Wie lange dauerte die Hilfe?

Waschen: 25 Minuten, Anziehen: 15 Minuten, Essen: 20 Minuten

Besondere Vorfälle:

Sturz beim Aufstehen aus dem Bett, Verwirrtheit (dachte es ist 1985), aggressives Verhalten beim Waschen, Inkontinenz-Episode

Nächtliche Hilfe:

Toilettengänge (dreimal pro Nacht mit Begleitung), Umlagerung im Bett (zweimal), nächtliche Unruhe (Weglaufen verhindert)

Auch die kleinen Dinge in Modul 5 zählen:

Kompressionsstrümpfe richten (5 Minuten), Medikamente aus Blister drücken (3 Minuten), Begleitung zur Physiotherapie (30 Minuten hin und zurück), Brille putzen und aufsetzen (2 Minuten), Hörgerät einsetzen (2 Minuten)

Unser Tipp: Der MD orientiert sich am schlechten Tag, nicht am guten. Zeigen Sie realistisch, wo die Probleme liegen - aber übertreiben Sie nicht. Wenn Ihr Angehöriger manchmal noch selbstständig isst, aber oft Hilfe braucht, sagen Sie genau das. Glaubwürdigkeit ist wichtiger als Dramatik.

Schritt 2: Ärztliche Unterlagen für Höherstufung sammeln

Bereiten Sie alle aktuellen ärztlichen Unterlagen vor:

Arztbriefe aus Krankenhaus oder Reha:

Nicht älter als 6 Monate, dokumentieren die Verschlechterung seit letzter Begutachtung

Aktuelle Diagnosen vom Hausarzt oder Facharzt:

Lassen Sie sich einen aktuellen Befundbericht schreiben, der die Verschlechterung klar benennt

Medikamentenliste:

Zeigt Schwere der Erkrankungen - neue Medikamente oder höhere Dosierungen sind ein Indiz für Verschlechterung

Berichte von Therapeuten:

Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie - was sagen die Profis über den Zustand?

Wichtig: Der MD schaut besonders auf neue Diagnosen oder Verschlechterungen seit der letzten Begutachtung. Ein Befundbericht vom Hausarzt mit der klaren Aussage: "Der Zustand hat sich seit Januar 2026 deutlich verschlechtert, insbesondere bei Mobilität und Orientierung" ist Gold wert.

Schritt 3: Pflegegrad Höherstufung beantragen - so geht's

Telefonisch (schnellste Methode):

Rufen Sie Ihre Pflegekasse an (Nummer steht auf der Versichertenkarte) und sagen Sie: "Ich möchte eine Höherstufung des Pflegegrads beantragen für [Name]." Das reicht! Die Kasse schickt Ihnen dann ein Formular zu - aber der Antrag gilt schon ab Ihrem Anruf.

Notieren Sie sich: Datum, Uhrzeit, Name des Sachbearbeiters.

Schriftlich (per Brief, E-Mail oder Fax):

Schreiben Sie: "Hiermit beantrage ich die Höherstufung des Pflegegrads für [Name, Versichertennummer]. Der Pflegebedarf hat sich seit [Datum/Ereignis] deutlich verschlechtert."

Verschicken Sie per Einschreiben mit Rückschein oder Fax mit Sendeprotokoll.

Wichtig: Der Antrag gilt ab dem Tag des Eingangs bei der Pflegekasse. Die höheren Leistungen (falls bewilligt) werden rückwirkend ab diesem Monat gezahlt.

Wenn Sie am 5. März anrufen und im Mai die Höherstufung bekommen, zahlt die Kasse auch für März und April nach.

Die gesetzliche Frist: 25 Tage + Verzugsgeld

Die Pflegekasse hat exakt 25 Kalendertage Zeit ab Antragseingang (§18 SGB XI). Bei offensichtlicher Dringlichkeit (zum Beispiel nach Krankenhausaufenthalt) verkürzt sich die Frist auf eine Woche.

Der Geld-Tipp - 70 Euro Verzugsgeld pro Woche:

Verstreicht die Frist ohne schriftliche Begründung, stehen Ihnen 70 Euro pro angefangene Woche zu - zusätzlich zu den rückwirkenden Leistungen! Rufen Sie nach vier Wochen bei der Kasse an und weisen Sie auf die gesetzliche Frist und das Verzugsgeld hin.

Wichtig: Das Verzugsgeld gilt nicht, wenn Sie die Verzögerung zu vertreten haben (zum Beispiel MD-Termin selbst abgesagt) oder wenn Sie sich bereits in stationärer Pflege befinden und Pflegegrad 5 feststeht.

Was prüft der MD beim Höherstufungs-Termin?

Der MD kommt meist innerhalb von zwei bis drei Wochen nach Antragstellung zu Ihnen nach Hause. Dieser Termin entscheidet über die Höherstufung.

Die 6 Module im Detail

Modul 1: Mobilität (10 Prozent)

Kann Ihr Angehöriger noch Treppen steigen, vom Stuhl aufstehen, sich im Bett umdrehen, Positionen wechseln?

Modul 2: Kognitive Fähigkeiten bei Demenz (15 Prozent)

Orientierung zu Zeit, Ort, Person - erkennt Ihr Angehöriger Sie noch? Weiß er, welches Jahr ist? Findet er sich in der Wohnung zurecht?

Modul 3: Verhaltensweisen und psychische Problemlagen (15 Prozent)

Weglaufen, Aggressivität, nächtliche Unruhe, Wahnvorstellungen, Ängste, Antriebslosigkeit

Modul 4: Selbstversorgung bei Höherstufung (40 Prozent - größte Gewichtung!)

Waschen, Anziehen, Essen, Trinken, Toilettengang - hier wird jede einzelne Tätigkeit bewertet: Oberkörper waschen, Unterkörper waschen, Haare waschen, Zähne putzen, Rasieren, Duschen/Baden

Modul 5: Krankheitsbewältigung und Therapien (20 Prozent - oft unterschätzt!)

Medikamente selbstständig richten (nicht nur einnehmen!), Arztbesuche organisieren, Therapien durchführen, Blutzucker messen, Kompressionsstrümpfe anziehen, Inhalieren, Begleitung zur Physiotherapie oder Logopädie

Wichtig: Das Anreichen von Medikamenten (Sie geben die Tablette in die Hand) zählt zu Modul 4. Das Richten der Medikamente (Sie stellen den Wochenspender zusammen) zählt zu Modul 5. Beide Hilfen geben Punkte - erwähnen Sie beides!

Modul 6: Gestaltung des Alltagslebens (0 Prozent)

Wird nicht bewertet, nur dokumentiert - trotzdem erwähnen, wenn Ihr Angehöriger keine Hobbys mehr hat, soziale Kontakte abbricht, den Tag nicht mehr strukturieren kann

Was sind die 5 häufigsten Fehler beim MD-Termin?

Fehler 1: Angehöriger gibt sich Mühe und zeigt sich von der besten Seite

Der MD denkt dann: "So schlimm kann es nicht sein."

Lösung: Sagen Sie dem MD vorher: "Mein Angehöriger wird sich heute anstrengen, weil Besuch da ist - aber das ist nicht der Alltag. Ich zeige Ihnen unser Pflegetagebuch, da sehen Sie die tatsächliche Situation."

Fehler 2: Sie als Angehöriger spielen die Probleme herunter

Aus falscher Scham sagen viele: "Ach, das geht schon noch." Oder: "Wir kommen zurecht."

Lösung: Seien Sie ehrlich. Die Kasse zahlt nur, was wirklich nötig ist. Wenn Sie beim Waschen 30 Minuten helfen müssen, sagen Sie das - nicht 10 Minuten.

Fehler 3: Keine Dokumentation vorhanden

Ohne Pflegetagebuch und ärztliche Unterlagen ist es Aussage gegen Aussage.

Lösung: Zeigen Sie dem MD Ihr Pflegetagebuch und die Arztbriefe. Konkrete Zahlen schlagen vage Aussagen.

Fehler 4: Übertreibung

Wenn Sie sagen "Mein Vater kann gar nichts mehr alleine", aber der MD sieht ihn selbstständig zum Tisch gehen, verlieren Sie Glaubwürdigkeit.

Lösung: Bleiben Sie bei der Wahrheit. Wenn Ihr Vater noch 10 Meter alleine gehen kann, aber dann Hilfe braucht, sagen Sie genau das.

Fehler 5: Modul 5 wird komplett vergessen

Viele konzentrieren sich nur auf Modul 4 (Waschen, Anziehen). Aber Modul 5 bringt 20 Prozent der Punkte!

Lösung: Erwähnen Sie explizit: "Ich richte die Medikamente (Wochenspender befüllen), ich begleite zur Physiotherapie, ich ziehe die Kompressionsstrümpfe an, ich helfe beim Inhalieren." Das alles zählt zu Modul 5 und wird oft übersehen.

Wie wird der Alltag beim MD-Termin richtig gezeigt?

Die Authentizitäts-Regel: Alltag zeigen, nicht Sonntagszustand

Bereiten Sie Ihren Angehörigen NICHT extra vor dem MD-Termin vor. Es geht nicht darum, jemanden zu verwahrlosen - sondern den natürlichen Zustand zu zeigen, bevor die aufwendige Hilfe der Angehörigen einsetzt.

Was das konkret bedeutet:

Wenn der MD um 10 Uhr kommt und Sie normalerweise um 9 Uhr beim Waschen und Anziehen helfen, dann tun Sie das am MD-Tag erst NACH dem Termin. Der MD soll sehen, wie Ihr Angehöriger ohne Ihre Hilfe dasteht.

Keine frisch gewaschenen Haare, keine saubere Kleidung vom Morgen, keine aufgeräumte Wohnung als ob Staatsbesuch kommt.

Viele MD-Gutachter kommen bewusst früh morgens (8-9 Uhr) - wer da schon geduscht, rasiert und adrett gekleidet ist, erweckt den Eindruck geringer Hilfebedürftigkeit.

Wichtig: Das ist keine Täuschung, sondern Realität! Sie helfen ja tatsächlich täglich beim Waschen und Anziehen - der MD soll nur den Zustand VOR Ihrer Hilfe sehen, nicht danach.

Unser Tipp: Wenn der MD-Termin auf 10 Uhr fällt, sagen Sie dem MD: "Normalerweise helfe ich ab 9 Uhr beim Waschen und Anziehen. Heute habe ich bewusst gewartet, damit Sie den tatsächlichen Hilfebedarf sehen." Das ist ehrlich und nachvollziehbar.

Was passiert wenn die Höherstufung abgelehnt wird?

Die Pflegekasse hat 25 Kalendertage Zeit für die Entscheidung. Sie bekommen dann einen schriftlichen Bescheid.

Fall 1: Höherstufung bewilligt - rückwirkende Leistungen

Glückwunsch! Die neuen Leistungen gelten rückwirkend ab dem Monat der Antragstellung.

Beispiel: Sie beantragen im März, bekommen im Mai den Bescheid mit Pflegegrad 4 (vorher Pflegegrad 3). Die Kasse zahlt auch für März und April die höheren Leistungen nach:

  • Pflegegrad 3: 573 Euro Pflegegeld pro Monat
  • Pflegegrad 4: 765 Euro Pflegegeld pro Monat
  • Differenz: 192 Euro pro Monat mal 2 Monate = 384 Euro Nachzahlung
  • Plus: Sie bekommen ab Juni jeden Monat 192 Euro mehr.

Fall 2: Pflegegrad Höherstufung abgelehnt - Widerspruch einlegen

Sie haben vier Wochen Zeit für einen Widerspruch ab Erhalt des Bescheids. Nutzen Sie diese Frist!

So formulieren Sie den Widerspruch bei abgelehnter Höherstufung:

"Hiermit lege ich Widerspruch gegen den Bescheid vom [Datum] ein. Die Ablehnung der Höherstufung ist nicht nachvollziehbar. Der Pflegebedarf hat sich seit [Ereignis/Datum] deutlich verschlechtert. Begründung folgt."

Wichtig: Schicken Sie den Widerspruch sofort (auch formlos) per Fax oder Einschreiben. Die ausführliche Begründung können Sie nachreichen - aber die Vier-Wochen-Frist muss eingehalten werden!

Was Sie zur Widerspruchs-Begründung einreichen sollten:

  • Aktueller ärztlicher Befundbericht mit dokumentierter Verschlechterung
  • Ihr Pflegetagebuch der letzten vier Wochen (zeigt anhaltenden Hilfebedarf)
  • Stellungnahme von Therapeuten oder Pflegedienst (professionelle Einschätzung)
  • Fotos oder Videos vom Hilfebedarf (nur wenn aussagekräftig - zum Beispiel Transfer vom Bett in Rollstuhl, Hilfe beim Anziehen)

Geduld beim Widerspruch gegen abgelehnte Höherstufung:

Hier darf sich die Kasse theoretisch bis zu drei Monate Zeit lassen, bevor eine Untätigkeitsklage möglich ist. Die 25-Kalendertage-Frist aus §18 SGB XI bezieht sich primär auf den Erst- beziehungsweise Höherstufungsantrag. Meist geht es aber schneller.

Bei begründetem Widerspruch kommt der MD oft erneut zur Begutachtung. Bereiten Sie diesen zweiten Termin genauso sorgfältig vor wie den ersten - mit aktualisiertem Pflegetagebuch!

Erfolgsquote Widerspruch: Etwa 30 bis 40 Prozent der Widersprüche führen zur Höherstufung.

Fall 3: Widerspruch abgelehnt - Sozialgericht einschalten

Wenn auch der Widerspruch abgelehnt wird, können Sie Klage beim Sozialgericht einreichen.

Das kostet Sie: Nichts! Beim Sozialgericht gibt es keine Gerichtskosten und keinen Anwaltszwang. Sie können die Klage selbst einreichen.

So geht die Klage beim Sozialgericht:

Klage per Brief ans zuständige Sozialgericht (steht im Ablehnungsbescheid). Schreiben Sie: "Hiermit erhebe ich Klage gegen den Bescheid der [Pflegekasse] vom [Datum]. Der Pflegegrad wurde zu niedrig eingestuft. Begründung und Unterlagen folgen."

Erfolgsquote Sozialgericht: Etwa 40 bis 50 Prozent der Klagen vor dem Sozialgericht sind erfolgreich.

Unser Tipp: Holen Sie sich spätestens jetzt Unterstützung von einem Pflegeberater, Sozialverband (VdK, SoVD) oder spezialisierten Anwalt. Die Erfolgsaussichten steigen mit professioneller Hilfe deutlich. Viele Sozialverbände helfen kostenlos oder gegen geringe Mitgliedsbeiträge (etwa 60 bis 80 Euro im Jahr).

Das Wichtigste in Kürze

Sofort handeln bei Verschlechterung:

  1. Pflegetagebuch 2 Wochen führen (täglich Hilfe, Dauer, Vorfälle, nächtliche Hilfe, auch Modul 5 Details!)
  2. Ärztliche Unterlagen sammeln (Arztbriefe max. 6 Monate, Befundbericht mit Verschlechterung)
  3. Antrag telefonisch/schriftlich (gilt ab Anruf, Leistungen rückwirkend ab Antragsmonat!)
  4. MD-Termin vorbereiten: Alltag zeigen, nicht Sonntagszustand - normalerweise morgens helfen? Dann am MD-Tag erst NACH Termin!

Kritische Erfolgsfaktoren:

Oft entscheidet 1 Punkt! Details in Modul 5 dokumentieren (Kompressionsstrümpfe richten, Medikamente-Wochenspender befüllen, Begleitung Therapie, Brille putzen, Hörgerät einsetzen). Modul 4 größte Gewichtung 40% (Waschen, Anziehen, Essen, Toilette), bei Demenz Modul 2+3 je 15% entscheidend (Orientierung, Weglaufen, Aggression).

5 häufigste Fehler vermeiden:

(1) Angehöriger gibt sich Mühe → MD vorher sagen "zeigt Sonntagszustand, Alltag anders", (2) Probleme herunterspielen → ehrlich 30 Min Hilfe nicht 10 Min, (3) keine Dokumentation → Pflegetagebuch + Arztbriefe zeigen, (4) Übertreibung → Glaubwürdigkeit wichtiger als Dramatik, (5) Modul 5 vergessen → 20% Punkte!

Bei Ablehnung:

Widerspruch 4 Wochen Frist (sofort formlos, Begründung nachreichen!). Unterlagen: ärztlicher Befund Verschlechterung, Pflegetagebuch 4 Wochen, Therapeuten-Stellungnahme. Erfolgsquote 30-40%. Sozialgericht kostenlos, 40-50% Erfolg. Sozialverband (VdK, SoVD) hilft 60-80€/Jahr Beitrag.

Frist & Verzugsgeld:

25 Tage ab Antrag (§18 SGB XI). Verzugsgeld 70€/Woche bei Versäumnis zusätzlich zu rückwirkenden Leistungen!

Häufige Fragen zu diesem Thema

Wie lange muss ich nach der letzten Begutachtung warten, bevor ich eine Höherstufung beantragen kann?

Was passiert, wenn der MD feststellt, dass sich der Zustand verbessert hat?

Kostet die Höherstufung etwas oder muss ich etwas zurückzahlen, wenn sie abgelehnt wird?

Wie lange dauert es, bis die Pflegekasse über die Höherstufung entscheidet?

Kann ich eine Höherstufung auch telefonisch oder per E-Mail beantragen?

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